Vom Verlust der Nacktheit 46

5 months ago
Betrachtet man die Entwicklung der Aktfotografie, beispielsweise über die Jahre hier in der MK, über die Jahrzehnte in alten Zeitschriften wie Fotozeitschriften, Playboy usw. oder auch über die Jahrhunderte in den alten kleinen Schwarzweißschweinereien der Foto-Frühzeit, dann beobachtet man einen langen und einen gegenläufigen neuen Trend.

Der eine Trend ist der, dass die Fotografie immer härter, immer expliziter wird. Das Schamhaar ist verschwunden, jede Scham meistens auch, was man früher verschämt aus der Entfernung gezeigt oder neckisch verhüllt hat, sehen wir heute in direkter Nahaufnahme durch die Schärfe professioneller Hochleistungsobjektive mit 40 Megapixel. Schamlippen überholen in der Wichtigkeit das Gesicht. Ich meine das nicht negativ. Seit etwa den 80er und 90er Jahren hat die Aktfotografie einen deutlichen Schub gemacht. Die Aktfotografie der 60er und 70er Jahre war meist irgendwo zwischen lächerlich und experimentell, und wenn man heute alte Fotozeitschriften aus der Zeit sieht, dann standen da meist irgendwelche Nackedeis motivationslos irgendwo in der Gegend herum und wurden platt abgeknipst. Nicht die Aktfotografie, sondern die Ablichtung Nackter an sich (und das Unterfangen, den Auslöser zu drücken ohne einen Herz- oder Moralinfarkt zu erleiden) als Tätigkeit, als bloßer, erhofft unerhörter Vorgang, stand im Vordergrund.

Darin liegt eine Verschiebung. Früher lautete das Ziel, den Betrachter – Guck mal, ne nackte Frau – dazu zu veranlassen, sich was schmutziges zu denken. Heute bekommt er das fertig gekochte Menü geliefert.

Und das liegt nicht allein an den Fotografen. Auch bei Models ist mir aufgefallen, dass es zunehmend einem Selbstverständnis und nicht mehr nur einer abgefragten Dienstleistung entspricht, sich freizügig zu zeigen. Zumindest mein Eindruck, das mögen manche anders sehen.

Ich meine das nicht negativ. Im Gegenteil. Ich bin der Überzeugung, dass die meisten Models freizügig weit besser rüberkommen als etwa in Wäsche, denn Wäsche muss perfekt sitzen und stellt wesentlich höhere Anforderungen an die Figur als eine Aufnahme ohne Wäsche. Wenn ich sehe, was Models so an Wäsche in ihren Taschen anschleppen, dann gruselt's mir fast immer. Nur selten etwas, was zum Typ, zur Erscheinung, zur Figur passt - und sitzt. Ohne Schlüpfer stellt sich das Problem erst gar nicht. Selbst passendes zu finden und zu kaufen ist möglich, aber kostet sehr viel Zeit (und manchmal auch viel Geld). Und dass das Model den Urwald auspackt, ist mir auch schon seit 20 Jahren nicht mehr passiert. Deshalb will ich den Trend jetzt nicht als negativ bewerten. Er kommt meinen visuellen Vorstellungen deutlich näher.

Gleichzeitig aber sehe ich, dass Nacktheit immer seltener, immer unmöglicher wird.

Wo Schlüpfer, Schamhaar, Scham gewichen sind, findet man jetzt das Tattoo. Und das nicht selten großflächig.

Man trägt jetzt die unausziehbare Wäsche.

Oft berichteten Models, dass bodypainting, die Bemalung, das Gefühl verleiht, angezogen zu sein, sich nicht nackt zu fühlen. Was eigentlich auch für Tattoos gelten müsste, obwohl ich nicht weiß, wie sich der Langzeiteffekt auswirkt, wie man sich daran gewöhnt.

Mag sein, dass Models sich daran gewöhnen.

Ich nicht.

Ich habe zunehmend den Eindruck, keine nackte Frau mehr vor mir zu sehen, sondern eine, die etwas an hat, worüber nicht mehr zu diskutieren, was nicht mehr durch Bildregie zu beeinflussen ist. Kein „Die anderen Strümpfe sind schöner”. Man hat etwas angezogen, was nie wieder auszuziehen ist. Und ähnlich wie bei Unterwäsche denke ich mir manchmal, das passt nicht, das sitzt nicht, das sieht nicht gut aus. Aber es geht nicht mehr weg.

Ging mit dem Unausziehbaren die Nacktheit verloren?

Sind wir hier am Ende gar nicht freizügig und nackt, sondern haben die Kleidung durch etwas ersetzt, was wir garantiert nicht mehr ausziehen oder ausgezogen bekommen können?

Quasi eine „überredungsfeste Unterwäsche”?

Der freizügige Akt in der moralfest gepanzerten Unterwäsche?

Der irreversible Entschluss, sich im Leben nie wieder nackt zu zeigen, nicht mal als Aktmodell?


Deshalb die Frage: Wann ist der Akt noch nackt?
5 months ago
Ganz nackt stellen die Tattoos das geringste Problem dar ... schlimm wird es eher bei Dessous und sommrrlicher Kleidung, wenn Tattoos auf dem Oberschenkel aus dem Strumpfsaum herausragen oder Spaghettitraeger das Schultertattoo durchtrennen. Was die Freizuegigkeit betrifft ... die gab es auch vor 120 Jahren .... quasi getreu dem Motto "ist der Ruf erst ruiniert, lebt es sich ganz ungeniert" ... zu Zeiten, als zum Ruinien bereits die blanke Brust oder eine Pobacke schon ausreichten.
5 months ago
@Hadmut:
"Und das liegt nicht allein an den Fotografen. Auch bei Models ist mir aufgefallen, dass es zunehmend einem Selbstverständnis und nicht mehr nur einer abgefragten Dienstleistung entspricht, sich freizügig zu zeigen. Zumindest mein Eindruck, das mögen manche anders sehen."

Mir ist auch aufgefallen, dass viele junge Frauen kein Problem haben sich zu zeigen, ein völlig unkompliziertes Körpergefühl haben und Nacktsein als völlig normal empfinden. Ich musste über ein Model schmunzeln, die da im Evaskostüm am Buffet stand und Nudelsalat in sich hineinschaufelte, oft rauchen sie schnell nackig eine Zigarette in den Shootpausen und unterhalten sich dabei mit mir. Ein Porträtmodel bat ich einmal, ihre BH-Träger nach unten zu tun, weil ich die Schultern frei haben wollte, da schmiss sie das Ding schon in die Ecke. Letztlich glaube ich, dass das eine wichtige Voraussetzung für jemanden ist, der modeln möchte, egal ob als Hobby, Amateur oder als Profi. Als kleiner Fun Fact: Früher habe ich immer einen Bademantel bereitgehalten bei Aktshoots, um sozusagen eine Grenze zu ziehen zwischen Nacktheit vor der Kamera, die da angebracht ist und der Person, die gerade nicht fotografiert wird und bedeckt sein sollte. Heute mache ich das nicht mehr.

"Gleichzeitig aber sehe ich, dass Nacktheit immer seltener, immer unmöglicher wird.
Wo Schlüpfer, Schamhaar, Scham gewichen sind, findet man jetzt das Tattoo. Und das nicht selten großflächig.
Man trägt jetzt die unausziehbare Wäsche."

Der Anteil an Tattoos ist tatsächlich sehr hoch. Von sieben TfP-Models, mit denen ich regelmäßig Akt shoote, sind nur zwei komplett untätowiert, zwei haben nur kleinere Tattoos, drei sind großflächig bemalt. Ein weiteres TfP-Model, das für Akt nicht zur Verfügung steht, aber für Bodypainting, ist auch komplett untätowiert. Viele Kollegen und auch eine Kollegin von mir beklagen das, weil es ihnen nicht gefällt, die reine Haut in der Aktfotografie ist für sie Pflicht.

Ich sehe das anders. Für mich ist ein Tattoo nichts, was verdeckt. Dessous dagegen sind meistens recht blickdicht. Ich glaube, dass die Mädels mit der unkomplizierten Beziehung zu ihrem Körper soweit gehen, dass sie ihn sogar permanent schmücken wollen, gewisse Dinge sogar hervorheben. Es spiegelt sich diese Unbedarftheit ihrem Körper gegenüber eben auch darin, dass sie mit ihm wie mit einer Leinwand umgehen.

Ein weiterer Punkt zum Thema Tattoos sind Piercings. Fast alle haben einen "Nasenring" und dann erscheinen Brustwarzen-, Nabelpiercings, eins am Venushügel oder in der Zunge. Das überrascht mich immer wieder, wie normal das heutzutage zu sein scheint.

Mich stören Tattoos oder Piercings auch nicht, wenn sie einigermaßen geschmackvoll und in einem Stil gemacht sind. Aber dann haben viele wirklich großflächige Patchworkdecken auf ihrem Körper mit Horrorszenen oder Super Mario etc. Die lenken dann ähnlich ab wie Kleidung, die zur Trägerin nicht passt oder eben die von dir genannten minderwertigen Dessous.

Also für mich spricht nichts für den Verlust von Nacktheit, sondern eher für einen Wertverlust. Der eigene Körper wird bereitwillig hergezeigt und gerne verziert. Leider halt permanent.
irritiert mich etwas da ich eher verstärkt Prüderie wahrgenommen habe.ein lockereres Verhältnis zum Nacktsein...eher nein. kommt natürlich drauf an wo man sich aufhält. es mag explizitere Darstellungen geben aber ich denke nicht dass das die breite Masse betrifft.

und zur Frage...natürlich kann tattoo was verdecken. nackt fühlen sich die Menschen trotzdem. hängt halt von der Person ab. sie ist da sicher entspannter :)
tolle Gedanken.
Ich sehe auf der anderen Seite aber auch eine "neue" Schamhaftigkeit. Der Run auf Aktaufnahmen ist ziemlich eingebrochen, das kleine Fotostudio bei mir um die Ecke hatte vor 5 bis 10 Jahren kurz vor Weihnachten praktisch keine Zeit zum Luft holen, heute passiert da fast nix mehr. Genauso scheint das Angebot an Aktmodels per tfp und low pay für die schlechten bis nicht so richtig gute Aktfotografen ziemlich eingebrochen zu sein.
Teilt sich da evtl etwas in der Gesellschaft?
5 months ago
@schallkoerper fotografie
"irritiert mich etwas da ich eher verstärkt Prüderie wahrgenommen habe."

Das habe ich gesellschaftlich gesehen auch wahrgenommen. Einerseits vermute ich eine mediale Amerikanisierung, denkt an die Nippelphobie der Amis auf FB und Konsorten, andererseits ist Nacktheit in der Öffentlichkeit durch das Aufkommen der Smartphones nicht mehr ungefährlich. Dann haben wir in der jüngsten Geschichte eine aufgezwungene Islamisierung in DE, viele meiner Freundinnen trauen sich nicht mehr zu joggen oder abends alleine spazieren zu gehen. Ich habe meine abendlichen Spaziergänge übrigens auch eingestellt, weil ich da immer an einem freien Wlan vorbeikomme, wo sehr viele junge Flüchtlinge sich aufhalten und ich angesprochen werde von Muhammad, Mohammed und Machmut ... ich durfte in der VHS einen verdeckten Halbakt nicht ausstellen, weil dort Migrantenkurse durchgeführt werden. Ich habe da auch Bewerbungsbilder gemacht, da ist das Kopftuch fest montiert und nicht verhandelbar.

In einem geschützten Raum wie einem Fotostudio mit einem vertrauenswürdigen Fotografen ist das aber etwas anderes. Wichtig ist auch das Alter und manchmal auch der Ausbildungsstand bzw. das Berufsziel. Meine Modelle haben bis auf zwei kein Abitur, sind eher Mittelschulabgänger und arbeiten überwiegend als Krankenschwestern oder in der Altenpflege, dann gibt es noch eine ungelernte Kellnerin. Eine ist IT-Projektmanagerin, macht aber keinen Akt, eine ist Schauspielerin und weiß, dass ihr Körper auch ihr Kapital ist, also warum damit geizen.

Ich habe mal eine Zeit lang so Teenies in der Gruppe fotografiert, da waren deutliche Unterschiede zwischen Gymnasiasten und Realschülern zu sehen. Zudem ist auch die religiöse Einstellung des Elternhauses, falls vorhanden, ein Kriterium. Wenn ich im Gottesdienst mein Handy anschalte und es ist ein leicht bekleideter Mensch zu sehen, wird das als störend empfunden.
Eugen...mein einziger Bezug zu einem Fotostudio ist eine Freundin die bei Studioline jobbt und sie meint da wäre noch recht reger Aktbetrieb. aber was Akt im TFP Bereich anbelangt, das ist hier immer wieder Thema und ist möglicherweise heute wirklich schwieriger als früher mal, da einfach jemanden vor die Linse zu kriegen. weiss ich allerdings nicht, um da rumzuprobieren habe ich selber ne Weile Modelle engagiert, die nackten Frauen lagen mir auch nicht vor den Füssen rum.

und zu Schamhaftigkeit, Prüderie...vielleicht spielt auch eine Übersättigung an Informationen da rein, also Eindrücken die aus verschiedenen Medien auf Menschen einprasseln und zu einer Art Rückzug führen.

das mit dem Bildungsstand und Berufszielen ist sicher auch spannend...ich kenne viele Leute aus dem sozialen, pädagogischen Bereich, die überlegen es sich eher was sie so online stellen (lassen)...was aber nicht unbedingt ein Hindernis darstellt freizügigere Fotos zu machen. die werden dann eben nicht veröffentlicht und sind dann wirklich für einen selber.
5 months ago
Lieber Hadmut,

das sind natürlich interessante akademische Fragen, die Du hier aufwirfst.
Mich interessieren eigentlich keine nackten Menschen; vielleicht liegt es ja
daran, das wir in unserem gegenwärtigen Leben mit Nacktheit überschüttet
werden. Für mich ist der angezogene Mensch die fotografische Herausfor-
derung, sozusagen dem angezogenen Menschen den Schein der Nacktheit
überzustülpen. Angezogen ist nackt, so mein fotografisches Credo.

Schöne Weihnachtstage und lass Dir vom Weihnachtsmann neue Inspirati-
onen schenken.
5 months ago
Ich muss zunächst zugeben, dass ich von Euch allen, die bisher geschrieben haben sehr überrascht bin. Ich habe heute wenig Zeit und wollte eigentlich nur kurz "hereinschauen" - nun lese ich "schwere Kost". Und dann habe ich noch das Gefühl, dass das meiste von dem, was Ihr geschrieben habt, auch meine Meinung ist. Sogar vermeintliche Widersprüche lösen sich auf. Ich fasse mal für mich zusammen, dass es offenbar einerseits so ist, dass die Aktfotografie immer "expliziter" wird, andererseits aber auch immer "umstrittener" wird. MIr wird jetzt auch schlagartig bewusst, dass mein Aktfotografie-"Stil" aus diesem Grund gar nicht mehr so gefragt ist. Denn es wird zunehmend als "schlimm" empfunden, dass ich Akt fotografiere - andererseits sind meine Fotos für die verbliebenen Anhänger der Aktfotografie nicht "explizit" genug.

Und danke auch für den Mut, dass hier einmal ausgesprochen wird, welchen Einfluss dabei die gesellschaftlichen Veränderungen haben, die u.a. durch den Islam in Deutschland ausgelöst wurden.
5 months ago
@pam
Spannendes Experiment, aber wann und wo genau hast du in einem Gottesdienst dein Handy angeschaltet und einen leicht bekleideten Menschen angesehen? Und wie war die tatsächliche Reaktion im Detail? Oder war das auch nur eine pauschalisierte Vermutung?
5 months ago
Es war noch viel schlimmer, Charly2, ich zeige den Kindern oft christliche Zeichentrickfilme und hatte doch tatsächlich die MK offen mit einem Aktbild. Aber die Kinder haben es überlebt.

Ich habe meist ein Bild aus meinen Shoots als Titelbild und die sind ja oft kaum verdeckt, da sind Eltern nicht begeistert, wenn mein begehrtes iPone X mal wieder in Kinderhänden landet. Und – der Gipfel – ich kriege ja auch Penisbilder zugeschickt, ja, von männlichen Aktmodellen, und deshalb lasse ich sie meinen Photostream nicht durchschauen ;)
Je nach Alter des Kindes wäre ich da ebenfalls nicht begeistert...
Ich habe noch nicht alles gelesen, werde das aber noch tun da ich das Thema sehr interessant finde.
Auch deshalb weil offensichtlich jemand die gleiche Beobachtung gemacht hat wie ich.

Die "Mitte" verschwindet ..auf der einen Seite steigt die Nacktheit um jeden Preis, und sei sie noch so billig, auf der anderen Seite gibt es junge Menschen für die ist ein tiefer Ausschnitt schon megapervers.
ich kenn nicht wenige junge Menschen die so bieder und konservativ sind dass meine Oma (BJ 1903) sich im Grab drehen würde.

das hat auch nicht alle was mit Fotografie zu tun ...kann man auch gut in jeder Wald und Wiesen Sauna beobachten.
Eine Amerikanisierung ist mMn deutlich zu erkennen ....
nun ist natürlich seit Jahren vieles besser und einfacher zugänglich, auch härtere Sachen, wenn man sich in der MK rumtreibt wird man auch nicht grade das Bild kriegen die Welt wäre zugeknöpft und aktfrei...das sind aber spezifische Räume in die jemand sich hineinbegibt oder eben nicht. unter den Menschen mit denen ich Aktfotos mache sind die meisten kaum interessiert an heftigeren Sachen...Beine breit, Sex Toys etc...also wirklich expliziter ist Akt heute denke ich auch nicht als früher. aber weit leichter erfahrbar.

mir kommt es eher so vor als wird an vielen Stellen ein Rückzug nach innen, in die Überschaubarkeit, das bisschen Restprivate vollzogen.

sowas wie die Veränderung durch den Zuzug anderer Menschen sehe ich da eher weniger als besonders großen Einfluss. was so im öffentlichen Raum rumhängt interessiert sich dafür jedenfalls wenig.
eher ein ständiger Fluss von Informationen der schlicht zuviel ist und mehr und mehr wird.
und nebenbei eine Offenheit die man Menschen zugemutet hat die damit aber gar nichts anfangen können.
5 months ago
Bin ganz bei Ingo Müller.
5 months ago
ich denke, daß so etwas wie exhibitionistische oder promiskuitive Verhaltenweise nicht zunehmen, sondern nur sichtbarer werden.
Platformen wie Joyclub, tinder, kaufmich, sugardaddy und am anderen Ende dann auch mk machen nur einen Markt und Bedürfnisse für jeden sichtbar, sie schaffen ihn IMO nicht.
Die Menschen sind halt sehr unterschiedlich. Was dem einen zu nackt ist, ist dem anderen nicht nackt genug.
Ich glaube auch nicht, daß es diesbezüglich Trends gibt.
Mit sozialen Medien und liberalen Gesetzen wird einfach nur mehr möglich und die Bigotterie schwindet und manche Menschen leben ihre Bedürfnisse stärker aus.
Gleichzeitig steigt das Bedürfnis nach Aufmerksamkeit und Sichtbarkeit des einzlnen in der ungeheuren Masse von Posts und Instas.
Und manche, die das in ihrer Toleranz überfordert bewegen sich in die andere - rückwärtige - Richtung: Prüderie, Nationalismus, Religiosität...
5 months ago
...in diese Überlegungen sollte man auch einbeziehen, dass sich die Anzahl der Betrachter inflationär vergrössert hat, und dass es heute (fast) jedem Menschen möglichst, Aktfotos zu machen.

Anfangs der 80er habe ich meine Aktfotos in Ausstellungen gezeigt und sie hingen im Atelier, es gab ein paar Motive auf Postkarten. Es gab da vielleicht 75 bis 100 Betrachter, wenige KäuferInnen, die sich eine Vergrösserung (evtl.) zu Hause an ihre Wand hängten.
Heute veröffentliche ich in der MK, auf meine Homepage, Bilder werden ungefragt übernommen und weiter verbreitet. Da geht die Anzahl von BetrachterIn schnell in die Hunderte.
Bei Fotografen, die gefragter sind als ich, eher in die Tausende, Millionen...
Die Besucher einer Akt-Foto-Ausstellung gehen bewusst dort hin.
Für die "Surfer im Web" ist Akt als Massenware konsumierbar, ohne den bewussten Schritt in eine Ausstellung. Beim durchscrollen von hunderten von Bildern bleibt das Auge nur noch an dem hängen, was neu, oder extrem ist...

Dazu kommt, dass es keine Mühe mehr macht, eine Frau (Mann) nackt zu fotografieren, evtl. muss FotografIn "ein paar Dollar" dafür bezahlen. Wegen der Bildinflation haben Modelle oft auch kein Interesse mehr an noch mehr Bildern, oder haben eine hungrige Familie im der fernen Heimat, oder wollen sich auch am Konsum teilhaben, darum lassen sie sich bezahlen.
Auch auf Seiten der Modelle herrscht ein Kampf um die Fotografen, also bieten immer mehr Modelle extremere Spielarten (OpenLegs, Self, HardCore...) an. Wobei viele Fotografen, die solche Bilder machen, oftmals beim knipsen übersehen, dass es in der Fotografie um Gestaltung geht, nicht um Fleischbeschau...

Wir leben also in Akt-inflationäre Zeiten, in der Millionen sich berufen fühle zu fotografieren, zu beurteile, und sich darzustellen, zu verdienen. Dazu kommen Stimmen von Menschen, die aus verschiedenen Gründen eine Zensur im Kopf haben, oder aus religiösem Eifer einen Grund zum skandieren suchen...

Was bleibt für mich (FotografIn)? Pay-Models engagieren sich ganz anders als TFP-Models, darauf eingehen? Photoshop-Composing ist heute Mainstream, soll ich mich dorthin treiben lassen? Oder doch, wie hier auch schon oft vorgeschlagen, lieber "Blümchen fotografieren"? Manche ich auch, vor allem, seit dem ich mit BessaR und Hektor und Elmar und Summaron rumlaufe... Analog ist toll, so ein Schritt zurück weitet die Perspektive:
Akt in Cyanotypie? Gummidrucke? Akt-Foto-Radierungen? Aber das sind ja auch nur div. gestalterische Techniken, doch wie sieht es mit neuen Inhalten aus?
Wie sieht die Aktfotografie des 21. Jahrhunderts aus?
Immerhin gibt es ja hier eine Plattform, auf der sich etwas "Neues", äh Zeitgemässes, entwickeln könnte.

Naja, meine 50 Cent sind diesmal länger geworden, nichts für ungut & schöne Tage
-ekk-
5 months ago
@EKK ART:
"... doch wie sieht es mit neuen Inhalten aus? Wie sieht die Aktfotografie des 21. Jahrhunderts aus?
Immerhin gibt es ja hier eine Plattform, auf der sich etwas "Neues", äh Zeitgemässes, entwickeln könnte."

Der Inhalt von Aktfotografien sind nach wie vor nackte Menschen, da sind wir uns sicher einig. Wenn ich mir Fotos von Lucien Clergue anschaue, wie er mit Rolloschatten Zebra Nudes kreierte, tolle Posen, Body Parts eingeschlossen, und das in den 1960er Jahren seiner Zeit voraus, dann weiß ich, dass man nicht zeitgemäß sein muss. Man kann völlig außerhalb des aktuellen Zeitgeschehens operieren, wie z.B. Jan Saudek, der aus Körpern Szenen stellte und dabei immer einen gewollten Vintage-Touch hatte.

Wenn man von Bearbeitungstechnik oder Plattformen ausgeht, wird man nie verstehen, dass gute Aktfotografie immer von einer Vision des Fotografierenden ausgeht, der genügend Aktmodelle hat, die sich dafür zur Verfügung stellen. Ein weiterer Faktor ist Zeit. Fast alle wirklich großartigen Fotografen tun das obsessiv und dauernd, die besten Aufnahmen werden gezeigt, also ein kleiner Bruchteil. Also nicht wie im Photostream ...

Wie sieht es bei uns Normalsterblichen aus? Man bucht ein Pay-Model oder hat ein TfP-Model für ein Projekt gewinnen können, insgesamt sind es vielleicht 2-4 Stunden pro Monat Shootingzeit, die man aufwenden kann. Da formt man das Licht, wie man meint und das Model post, wie es halt kann. Die Chancen, das daraus etwas Außergewöhnliches entsteht, sind sehr gering.
5 months ago
Akt != Nackt
... ja da gibt es feine Unterschiede.

@TO
Du sprichst das motivationslose herumstehen vor der Kamera an ... das gibt es auch heute noch zu Hauf - vor allem bei der männlichen "Aktfotografie".

Bei der weiblichen "Aktfotografie" hat sich das dahingehend gewandelt, dass ein Nacktes Model irgendwo - sei es in einer Mauernische einer Burg oder Treppe im Vorzimmer halbwegs sinnvoll platziert wird, ohne jeden Hauch von Ästhetik, Sinnhaftigkeit, Bildaussage oder Bildwikung ... meiner Meinung auch nicht viel besser.

Sicher kann man ein Model auch heute noch vermeintlich(!) sinnlos in der Gegend rumstehen lassen ... der Grat ist aber seeeehr schmal, dass man da eine Bildwirkung zusammenbringt.

Ich hatte ein in allen Belangen sehr gutes Foto von mir - aber irgendwas stimmte nicht. Ich hab mich fast zu Tode daran bearbeitet - immer wieder andere Filter drüber lassen - es war gut ... aber verflixt. Nach langem hab ich den Fehler entdeckt: es machte keinen Unterschied ob ich jetzt ne Hose angehabt hätte oder nicht. Das war also kein Aktfoto, sondern ein Foto, auf dem ich halt nackt bin.
... stellt man sich diese Frage kann man die meisten Nacktfotos, ohne Sinn, Aussage und Ästhetik identifizieren und natürlich auch Bilder ohne Bildwirkung rausschmeissen.

Zum Thema "expliziter":
Das einzige was sich da geändert hat ist, dass viele Hobby-Fotografen solche Youporn-Schmuddel-Bilder machen, Akt draufschreiben und teilweise sogar denken es sei Akt oder sogar "Kunst", weil der und der berühmte Aktfotograf ja auch ein Mumu-Foto gemacht hat.

Zum Thema "Verruf":
Nunja, wenn ein Joghurt von ner nackten Frau beworben wird und man nach 10Minuten RTL schauen mindestens 3 nackte Frauen gesehen hat ... mich wundert's nicht, dass es da hier und da Leute gibt die sagen "nicht schon wieder nackt"
Generell seh ich unsere heutige Gesellschaft mehr und mehr aufgeschlossen, aber wie gesagt auch Reizüberflutet

.... für nen Fotografen bedeutet das, das er mit 0815-Nacktbildern heute keinen Blumentopf mehr gewinnt.
5 months ago
kurz meine Meinung: sehr inflationär

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