Der Leser

Wer kennt ihn, diesen, welcher sein Gesicht
wegsenkte aus dem Sein zu einem zweiten,
das nur das schnelle Wenden voller Seiten
manchmal gewaltsam unterbricht?

Selbst seine Mutter wäre nicht gewiß,
ob er es ist, der da mit seinem Schatten
Getränktes liest. Und wir, die Stunden hatten,
was wissen wir, wieviel ihm hinschwand, bis

er mühsam aufsah: alles auf sich hebend,
was unten in dem Buche sich verhielt,
mit Augen, welche statt zu nehmen, gebend
anstießen an die fertig-volle Welt:
wie stille Kinder, die allein gespielt,
auf einmal das Vorhandene erfahren;
doch seine Züge, die geordnet waren,
blieben für immer umgestellt.

Rainer Maria Rilke (1875 - 1926)

Comments 4

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3 hours ago
Bild und Gedicht TOP!!
LG Willi
6 hours ago
Top - war ne tolle Erfahrung mit dem Projekt von Dir und hier in S/W Klasse umgesetzt!!!
Das Gedicht passt hervorragend dazu!!!
LG Jens-Uwe
7 hours ago
Die Deutschen sind doch (noch) ein Volk der Dichter und Denker.
Großartig!
LG
Oliver
7 hours ago
Cool...
Wie immer.
GlH
JiB

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