Warum fotografieren wir Portraits 53

1 day ago
Eine Dokumentation ohne Text, nur mit Portraits? Da fällt mir Merkel ein. Jedes Jahr ihrer Kanzlerschaft ein Kopfbild. Bei einem Model wäre das machbar, wenn man es über mehrere Jahre portraitiert.

Ein Foto ohne Bildunterschrift, ohne erklärenden Text dazu, kann gut anzuschauen sein. Und, okay, bei einer hübschen Frau in einer erotischen Pose brauche ich keinen Bildtext, um das Bild gut zu finden.

Generell aber bin ich davon überzeugt, daß ein Foto ohne Bildunterschrift, ohne Informationen dazu, wann und wo und in welchem Kontext es aufgenommen wurde, überhaupt keine brauchbare Aussage haben kann. Und meistens braucht es auch noch die Information dazu, wer denn abgebildet wird. (Bei Merkel jetzt nicht, klar.)

Die ZEIT hat vor vielleicht etwa 35 Jahren mal ein geniales Experiment gemacht.

Ich las damals DIE ZEIT, fing vorne in dieser Ausgabe an, guckte wie immer mir intensiv auch die Fotos an, vor allem auch die Fotografenvermerke, und auch die Bildunterschriften.
Und dann... ungefähr auf Seite 10 war plötzlich wieder das Foto abgedruckt, das schon auf Seite 2 gestanden hatte. Aber zu einem ganz anderen Thema, und mit anderer Bildunterschrift.

Upps... peinliche technische Panne, dachte ich.

Nächste Seite: schon wieder ein Foto, das weiter vorn schon mal gedruckt war, wieder zu anderem Thema, mit anderer Bildunterschrift.

Ach du heilige... Sabotage? Ein technischer Mega-Gau? Es waren wohl an die 15, 20 Fotos in der ganzen ZEIT-Ausgabe, die zweimal, dreimal oder sogar viermal gedruckt waren, jedesmal zu einem anderen Thema, mit anderer BU.

In der folgenden Ausgabe wurde es dann aufgelöst: es war ein Experiment, von irgendeinem Medien-Wissenschaftler oder so. Details erinnere ich nur noch undeutlich. Es ging darum, zu zeigen wie einfach mit Fotos manipuliert werden kann, indem man sie einfach mittels Bildunterschrift und Text-Kontext in einen anderen Zusammenhang stellt.

Das irre daran war: in jedem einzelnen Fall passte das perfekt.

"Ein Bild sagt mehr als 1000 Worte?" Unsinn. Ein Bild ohne Begleittext sagt eigentlich in den allermeisten Fällen gar nichts - weil es nur in einem Kontext etwas bestimmtes sagt.

Das kann übrigens gut an dem berühmten Foto von Eddie Adams aus Saigon während der Tet-Offensive erkennen. Das Foto ist in einem Kontext entstanden, und wirklich kann man den sogar nur dann verstehen, wenn man die TV-Nachrichten-Film-Aufnahme von Neil Davis von derselben Szene kennt. Benutzt wird das Foto meistens, um zu zeigen, daß da ein armer Zivilist von einem bösen (südvietnamesischem) Militär ermordet wird. Ganz kaltblütig, mit einem Kopfschuss.

Der tatsächliche Kontext ist indessen ein weitgehenst anderer:
1. schießt gar kein Militär, sondern der stellvertretende Polizeichef von Saigon.
2. es ist keine kaltblütige Ermordung oder "Hinrichtung".
Die Familie des stellvertretenden Polizeichefs war von Vietcong-Kämpfern ermordet worden, und er war zum Ort des Geschehens gerast. Verständlich...
In der Nähe war gerade ein Vietcong gefangen genommen worden - zu dem Zeitpunkt war es sogar nur ein "Vietcong-Verdächtiger", daß es wirklich ein Vietcong war, stellte sich erst im Nachhinein sicher heraus.
Der stellvertretende Polizeichef riss seinen kleinen Revolver aus dem Holster, fuchtelte mit der Waffe die Umstehenden aus der Schusslinie, hielt dem Vietcong den Revolver fast direkt an den Kopf, drückte ab, und steckte, während der Vietcong wie ein Sack einfach zusammenklappte, den Revolver wieder zurück ins Holster.

Die ganze Szene, mit Vorlauf und Nachlauf in Neil Davis Film zu sehen, dauert vielleicht 3 Sekunden. Höchstens 4.

Das Foto gibt objektiv einen völlig falschen Eindruck von der Szene wieder. Und ohne den ganzen Kontext kann man das Geschehen nicht wirklich einordnen. Daß der 1/250tel Sekunden-Ausschnitt die Szene völlig verdreht, liegt in der Natur der Sache, resp. der blitzschnellen Momentaufnahme. Aber daß dieses Bild fast immer ohne den tatsächlichen Kontext abgedruckt wird, und häufig sogar mit einem Text dazu, der die Szene mehr oder weniger falsch beschreibt... das zeigt sehr gut, wie wichtig der "Bildtext" für ein Foto ist.
1 day ago
@MAINpics:
Wenn ich ehrlich bin ist dieses "Seele" abbilden kompletter Dünnpfiff.
Das wusste auch Lindbergh. Es ist eine Form der Vermarktung. Heute haben wir auf IG und FB 100te Mio Visual Storyteller, Digital Content provider, und neuerdings genauso viele Cinematic image Creator.....
Es ist einfach dummes Gelaber, das den Bildersteller überhöhen soll...

Ungefähr so... ;-)
1 day ago
Das Model als abstrakte Idee, welches austauschbar ist? Bei einer abstrakten Idee, hat man überhaupt keinen Plan, nur eine Richtung wohin es gehen soll. Und die Idee ansich? In diesem Kontext funktioniert die ,,Idee'' auch nicht als Versprechen. Was übrig bleibt ist der Weg, wie man zu diesem Ziel gelangt. Aber das Ziel gibt es ja nicht, nur eine Richtung, weil die Idee ja abstrakt war.
Was war noch? Das austauschbare Model. Nochmal, wir sind bei der Portrait Fotografie. Was heißt i.d.s. ,,austauschbar?'' Das Model als Material? Oder, muss nicht dasselbe Model sein, es reicht, wenn es das gleiche Model ist. Die Frage wird bewsst(?) offen gelassen, um eigene Interpretationen zu finden?

aber dann...

Also für mich ist die Frage, die ich jetzt mal so verkürzen will, immer noch nicht beantwortet: Warum engagiert man ein Model, einen wildfremden Menschen mit dem man nichts weiter zu schaffen hat, um ein persönliches Porträt zu fotografieren?

Wenn man fremd gesteuert wird, um Geld zu verdienen!?
Warum-Fragen sind unendlich. Ansonsten bei TfP, Das Model schreit einfach Portrait! Wir waren nie Geschwister in all den Jahren ;-)
Bei Pay einfach pragmatisch denken, ich hab doch nicht 50 Euro gezahlt, um mich nur mit Portrait abzugeben!?
1 day ago
#40 Naja, das glaube ich nicht so ganz. Lindberg hat die Modefotografie verändert, indem er seine Bilder dichter an eine gefühlte Realität gebracht hat, dazu gehörte auch, die Modelle nicht ganz so unpersönlich ins Bild zu bringen wie zuvor üblich. Man könnte das vielleicht beseelte Mode-Bilder nennen, auch wenn die Persönlichkeit der Modelle damit überhaupt nicht bloßgelegt wird. Es wirkt (vielleicht scheinbar) persönlicher. Und die Modelle fanden das ganz gut und im fotografischen Herangehen auch außergewöhnlich, die über die Arbeit mit ihm berichten.
Wichtig im Zusammenhang dieses Gespräches ist doch gerade der Aspekt: Welche Rolle spielt das Persönliche im gezielten Anliegen, via Model-Fotografie ein Porträt zu machen? Egal ob Ganzkörper oder vor Eifelturm oder im nackten Studio?
1 day ago
Mal wieder weg vom top-relevanten, themen-getreuen Abstecher nach Vietnam – zurück zur Fragestellung:

Warum fotografiere ich Porträts?
Weil am Körper eines Models oben immer auch ein Kopf dran ist.

Hat jemand Lindberghs letzte Arbeit für PIRELLI gesehen? Sehr persönliche Porträts von (eben!) Charlotte Rampling, dazu u.a. Alicia Vikander, Léa Seydoux, Helen Mirren, Kate Winslet und Saskia Esken.

Und der Neustädter-Helmut? Gibt ein Buch mit Porträts von Promis, links von Alice Springs (beste Freundin von June Newton, der Ehefrau), rechts von HN. Mit dabei: Karl Lagerfeld, Fürstin Gloria, Caroline von Monaco, David Hockney und Timothy Leary. Titel: US AND THEM.
1 day ago
Thema ist jetzt Peter Lindberghs Modefotografie? Okay!

Kann man einen Lindbergh von einem Rubini unterscheiden? Ja! Kann man einen Rohwer von einem Lindbergh unterscheiden? Ja. Und es soll Fotografen geben die shooten Portraits, ohne jemals eine Arbeit von Peter Lindbergh gesehen zu haben.

Für die Portrait-Arbeit ansich ist es erst einmal egal, ob man Lindberghs Werke kennt oder nicht. Aber man kann durch ihn beeinflusst werden.

Mal Hand hoch, wer denkt sich beim Portrait-Shooting: ,,was würde Peter Lindbergh jetzt machen?''
Das ist schön, aber keine Wissenschaft!

In meiner Studienzeit habe ich mit zwei männlichen Freunden eine Ausstellung von Peter Lindbergh gesehen. Die beiden waren komplett begeistert, und haben - nicht durch die Fotografie - sondern allein wegen ihrer Begeisterung Kommilitoninnen dazu bewegt sich fotografieren zu lassen.
Jahre später frage ich mich hier im Forum, wen möchten Lindbergh Fans denn nun beeindrucken? Ob Modelle mitlesen... ;-)
@ PetersPhotos
Betreffs des PIRELLI-Kalenders : oh ja, sehr persönlich und natürlich, ganz individuell und nah .. kein Glamour, aber trotzdem geschminkte, gestylte Vollprofis ! Beim Reifendienst gibt es zwar weiterhin auch Pirelli, aber nicht als Wandkalender ..
Bei den Aktdiskussionen geht es doch auch um das hier in der MK gezeigte, dann also bitte auch bei den Gesichtsportraits über unsere Werke hier schreiben .. denn das ist hier die Fragestellung !
@ Marcello Rubini
@ Marcus Sawyer
Daß wir nun bei Peter Lindbergh gelandet sind, liegt weniger an dessen Fotos, sondern eher an dessen Aussagen dazu, und daß man vom Ellenbogen, vom Po oder Knie auf den Charakter schließen könne, hat auch noch niemand behauptet. Beim Gesicht passiert das immer wieder, daß man aus dem Gesichtsbild weitere Rückschlüsse folgern könne.
19 hours ago
#44 Ja, Lindbergh hat zu seiner Zeit etwas anders gemacht. In einer Umgebung, wo sonst bislang lebendige Schaufensterpuppen aktiv waren, hat er sich mehr auf die Modelle konzentriert. Auf ihr Aussehen und auch auf Emotionen. Das war bis dahin nie relevant, auch nicht gewünscht.
Da diese ersten Projekte und Arbeiten gut ankamen, war es den Auftraggebern auch quasi egal, ob ihre Mode gut gezeigt wurde oder nicht. Es war ein Lindbergh am Werk das reichte. Dieser ganze Seelenquatsch waren schöne verpackte Marketingphrasen. Die Modelle zeigten mehr Haut und Gefühle und das hat die Betrachter mehr angesprochen, als die technische Dokumentation/Katalogaufnahme.

Er machte Inszenierungen und das gefiel den Zuschauern. Es war anders und deswegen stach es heraus. Natürlich wurde der Stil mit Variationen übernommen, kopiert.... Ich würde mal sagen, heute würde L. mit seinen Bildern nicht mehr hervorstechen, weil sein Stil millionenfach kopiert wurde. Wahrscheinlich würde er versuchen wieder etwas ganz anders zu machen?
Das ist in der Modefotografie doch relevant. Mit seinem Stil vor der Wolle sein und nicht dahinter.
Ich finde es gibt viele neue Talente, die Dinge heute wieder anders machen und damit den Zuschauer ansprechen. Aber meistens gehen sie in der Masse unter.
15 hours ago
MAINpics Was für ein Quatsch! Als ob Lindbergh der erste gewesen wäre, der Emotionen in die Modefotografie gebracht hätte?!? Nie was von Avendon gehört? Von Elgort, Sieff, Irving Penn, Sante d'Orazio – und unser Ex-Model, die tolle Ellen von Unwerth? Ohne Emotionen? Ohne Inszenierungen? Ziemlich uninformiert, was du da hinschreibst...
@ PetersPhotos
Wir müssen jetzt nicht auch noch über Jeanloup Sieff und Richard Avedon diskutieren - schildere doch bitte Du, wieso und warum Du mindestens 50 Gesichtsportraits (also Bilder, die zwischen Schulter und Brusthöhe enden) auf Deiner SC hast und was Dir bei deren Gestaltung wichtig war ! Mit diesem Thema bin ich ja Deiner Aufforderung gefolgt, eben selbst aktiv Forenthemen zu eröffnen. Wenn meine Stimmabgabetexte fragwürdig sind - okay, weil ich mal Sinn und Bedeutung von Gesichtsportraits ebenso hinterfragen wollte, wie dies nun prompt wieder aufgewärmt zu Akt geschah ? Hübsch, ausdrucksstark und erinnerungswürdig - aber auch das sehe ich lieber komplett von Kopf bis Fuß ! Und da wäre ich eben gespannt auf die Gegenargumente ...
12 hours ago
Hallo SEE! Ich weiß nicht, was dich umtreibt, du scheinst wirklich sehr vieles sofort missverstehen zu wollen!
Meine Replik ging an MAINpics, nicht an dich. Am Ende erhalte ich da sogar eine Antwort...?

Gerne komme ich der Aufforderung nach, zu dem von dir als TO aufgeworfenen Thema was zu sagen.
Dass du über 50 Gesichtsporträts in meinem Portfolio gefunden hast, freut mich schon mal sehr. Man will ja gesehen werden als Fotograf. "Wieso und warum" ich die geschossen habe? Seltsame Frage, denn ich finde:
wenn ein Foto gelungen ist – der Uploader ging anscheinend davon aus, nicht? – dann beantwortet das Bild immer SELBST diese Frage. Allerdings nur für Betrachter, die auch ein wenig sehen gelernt haben. Schnell mal hingucken oder hektisch draufglotzen reicht nicht. (So kommen meiner Meinung nach allerdings SEHR viele Likes hier zustande)

Vom Shootinghergang läuft es bei mir meist so, dass ich mich über die Outfits und, ganz wichtig, die Location an die Bilder bzw. das Model annähere. Meist kommt dann dieser schöne Entspannungsmoment, ab dem das Model "loslässt" und eher weniger macht als zu viel. Dann noch das richtige Licht im Gesicht – und schon zoomt der Peter rein! ;-)) Fertig ist das Porträt.

Nur auf Porträts ziele ich nicht ab, mein Thema, besser meine Leidenschaft, ist dieses Stiefkind hier: FASHION.
@ PetersPhotos
Vielen Dank - und auch auf meiner SC fällt vieles in den Bereich Fashion oder eben bekleidete Ganzkörperfotografie. Grundsätzlich stimme ich Dir auch darin zu :

Dass du über 50 Gesichtsporträts in meinem Portfolio gefunden hast, freut mich schon mal sehr. Man will ja gesehen werden als Fotograf. "Wieso und warum" ich die geschossen habe? Seltsame Frage, denn ich finde:
wenn ein Foto gelungen ist – der Uploader ging anscheinend davon aus, nicht? – dann beantwortet das Bild immer SELBST diese Frage.

Genau, eigentlich beantwortet das Bild selbst diese Frage, egal ob Portrait oder Fashion, egal ob Dessous oder Akt mit oder ohne Freizügigkeit. Jedoch wird gerade die freizügige Darstellung immer wieder in die Defensive gedrängt, muß sich begründen, rechtfertigen und verteidigen - doch ein völlig mißlungenes Schrottportrait wird kaum hinterfragt, auch wenn es erst gar nicht das Niveau der Kategorie "trash" erreicht.
Mengenmäßig ist es wohl wahr, daß schrottige Aktfotos häufiger sind als schrottige Portraits - aber dennoch gibt es doch genug Gründe, auch Gesichtsportraits zu hinterfragen ? So etwa beim Bildschnitt im Querformat, wenn eben der obere Schnitt durch den Haaransatz läuft. Wie ich finde, doch mal ein diskussionswürdiger Punkt ? Oder die Nutzung des Aufhellblitzes mit der passend abgestuften Blitzleistung - was beim Portrait genauso vorkommen kann wie beim freizügigen close-up.
Im Ablauf sind wir uns ziemlich gleich :

Vom Shootinghergang läuft es bei mir meist so, dass ich mich über die Outfits und, ganz wichtig, die Location an die Bilder bzw. das Model annähere. Meist kommt dann dieser schöne Entspannungsmoment, ab dem das Model "loslässt" und eher weniger macht als zu viel. Dann noch das richtige Licht im Gesicht – und schon zoomt der Peter rein! ;-)) Fertig ist das Porträt.

Auch bei mir ging es zuerst um das Set und die Outfits, sodaß das Model von Kopf bis Fuß komplett posierfertig ist. Ob ein versiertes Model dann ihr - durchaus auf die Wünsche des Fotografen abgestimmtes - Posingprogramm abspult oder jede Bewegung nach Anweisung vollzieht, mag so oder so sein. Den "Entspannungsmoment" für ein möglichst natürliches Portrait zu nutzen - auch das kann ich so gut nachvollziehen ! Doch auch dies mal hier angesprochen zu haben, finde ich nicht sinnlos. Denn eben auch das Zustandekommen von Portraits ist es doch wert, mal hier diskutiert zu werden !?

An dieser Stelle auch nochmal danke an FrankZa für die durchgesprochenen Beispiele !
Von mir aus ist das Thema nun auch abgeschlossen, aber gerne gehe ich ggfs. noch auf weitere Äußerungen ein !

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