Warum fotografieren wir Portraits 47

12 hours ago
Eine Dokumentation ohne Text, nur mit Portraits? Da fällt mir Merkel ein. Jedes Jahr ihrer Kanzlerschaft ein Kopfbild. Bei einem Model wäre das machbar, wenn man es über mehrere Jahre portraitiert.

Ein Foto ohne Bildunterschrift, ohne erklärenden Text dazu, kann gut anzuschauen sein. Und, okay, bei einer hübschen Frau in einer erotischen Pose brauche ich keinen Bildtext, um das Bild gut zu finden.

Generell aber bin ich davon überzeugt, daß ein Foto ohne Bildunterschrift, ohne Informationen dazu, wann und wo und in welchem Kontext es aufgenommen wurde, überhaupt keine brauchbare Aussage haben kann. Und meistens braucht es auch noch die Information dazu, wer denn abgebildet wird. (Bei Merkel jetzt nicht, klar.)

Die ZEIT hat vor vielleicht etwa 35 Jahren mal ein geniales Experiment gemacht.

Ich las damals DIE ZEIT, fing vorne in dieser Ausgabe an, guckte wie immer mir intensiv auch die Fotos an, vor allem auch die Fotografenvermerke, und auch die Bildunterschriften.
Und dann... ungefähr auf Seite 10 war plötzlich wieder das Foto abgedruckt, das schon auf Seite 2 gestanden hatte. Aber zu einem ganz anderen Thema, und mit anderer Bildunterschrift.

Upps... peinliche technische Panne, dachte ich.

Nächste Seite: schon wieder ein Foto, das weiter vorn schon mal gedruckt war, wieder zu anderem Thema, mit anderer Bildunterschrift.

Ach du heilige... Sabotage? Ein technischer Mega-Gau? Es waren wohl an die 15, 20 Fotos in der ganzen ZEIT-Ausgabe, die zweimal, dreimal oder sogar viermal gedruckt waren, jedesmal zu einem anderen Thema, mit anderer BU.

In der folgenden Ausgabe wurde es dann aufgelöst: es war ein Experiment, von irgendeinem Medien-Wissenschaftler oder so. Details erinnere ich nur noch undeutlich. Es ging darum, zu zeigen wie einfach mit Fotos manipuliert werden kann, indem man sie einfach mittels Bildunterschrift und Text-Kontext in einen anderen Zusammenhang stellt.

Das irre daran war: in jedem einzelnen Fall passte das perfekt.

"Ein Bild sagt mehr als 1000 Worte?" Unsinn. Ein Bild ohne Begleittext sagt eigentlich in den allermeisten Fällen gar nichts - weil es nur in einem Kontext etwas bestimmtes sagt.

Das kann übrigens gut an dem berühmten Foto von Eddie Adams aus Saigon während der Tet-Offensive erkennen. Das Foto ist in einem Kontext entstanden, und wirklich kann man den sogar nur dann verstehen, wenn man die TV-Nachrichten-Film-Aufnahme von Neil Davis von derselben Szene kennt. Benutzt wird das Foto meistens, um zu zeigen, daß da ein armer Zivilist von einem bösen (südvietnamesischem) Militär ermordet wird. Ganz kaltblütig, mit einem Kopfschuss.

Der tatsächliche Kontext ist indessen ein weitgehenst anderer:
1. schießt gar kein Militär, sondern der stellvertretende Polizeichef von Saigon.
2. es ist keine kaltblütige Ermordung oder "Hinrichtung".
Die Familie des stellvertretenden Polizeichefs war von Vietcong-Kämpfern ermordet worden, und er war zum Ort des Geschehens gerast. Verständlich...
In der Nähe war gerade ein Vietcong gefangen genommen worden - zu dem Zeitpunkt war es sogar nur ein "Vietcong-Verdächtiger", daß es wirklich ein Vietcong war, stellte sich erst im Nachhinein sicher heraus.
Der stellvertretende Polizeichef riss seinen kleinen Revolver aus dem Holster, fuchtelte mit der Waffe die Umstehenden aus der Schusslinie, hielt dem Vietcong den Revolver fast direkt an den Kopf, drückte ab, und steckte, während der Vietcong wie ein Sack einfach zusammenklappte, den Revolver wieder zurück ins Holster.

Die ganze Szene, mit Vorlauf und Nachlauf in Neil Davis Film zu sehen, dauert vielleicht 3 Sekunden. Höchstens 4.

Das Foto gibt objektiv einen völlig falschen Eindruck von der Szene wieder. Und ohne den ganzen Kontext kann man das Geschehen nicht wirklich einordnen. Daß der 1/250tel Sekunden-Ausschnitt die Szene völlig verdreht, liegt in der Natur der Sache, resp. der blitzschnellen Momentaufnahme. Aber daß dieses Bild fast immer ohne den tatsächlichen Kontext abgedruckt wird, und häufig sogar mit einem Text dazu, der die Szene mehr oder weniger falsch beschreibt... das zeigt sehr gut, wie wichtig der "Bildtext" für ein Foto ist.
12 hours ago
@MAINpics:
Wenn ich ehrlich bin ist dieses "Seele" abbilden kompletter Dünnpfiff.
Das wusste auch Lindbergh. Es ist eine Form der Vermarktung. Heute haben wir auf IG und FB 100te Mio Visual Storyteller, Digital Content provider, und neuerdings genauso viele Cinematic image Creator.....
Es ist einfach dummes Gelaber, das den Bildersteller überhöhen soll...

Ungefähr so... ;-)
12 hours ago
Das Model als abstrakte Idee, welches austauschbar ist? Bei einer abstrakten Idee, hat man überhaupt keinen Plan, nur eine Richtung wohin es gehen soll. Und die Idee ansich? In diesem Kontext funktioniert die ,,Idee'' auch nicht als Versprechen. Was übrig bleibt ist der Weg, wie man zu diesem Ziel gelangt. Aber das Ziel gibt es ja nicht, nur eine Richtung, weil die Idee ja abstrakt war.
Was war noch? Das austauschbare Model. Nochmal, wir sind bei der Portrait Fotografie. Was heißt i.d.s. ,,austauschbar?'' Das Model als Material? Oder, muss nicht dasselbe Model sein, es reicht, wenn es das gleiche Model ist. Die Frage wird bewsst(?) offen gelassen, um eigene Interpretationen zu finden?

aber dann...

Also für mich ist die Frage, die ich jetzt mal so verkürzen will, immer noch nicht beantwortet: Warum engagiert man ein Model, einen wildfremden Menschen mit dem man nichts weiter zu schaffen hat, um ein persönliches Porträt zu fotografieren?

Wenn man fremd gesteuert wird, um Geld zu verdienen!?
Warum-Fragen sind unendlich. Ansonsten bei TfP, Das Model schreit einfach Portrait! Wir waren nie Geschwister in all den Jahren ;-)
Bei Pay einfach pragmatisch denken, ich hab doch nicht 50 Euro gezahlt, um mich nur mit Portrait abzugeben!?
12 hours ago
#40 Naja, das glaube ich nicht so ganz. Lindberg hat die Modefotografie verändert, indem er seine Bilder dichter an eine gefühlte Realität gebracht hat, dazu gehörte auch, die Modelle nicht ganz so unpersönlich ins Bild zu bringen wie zuvor üblich. Man könnte das vielleicht beseelte Mode-Bilder nennen, auch wenn die Persönlichkeit der Modelle damit überhaupt nicht bloßgelegt wird. Es wirkt (vielleicht scheinbar) persönlicher. Und die Modelle fanden das ganz gut und im fotografischen Herangehen auch außergewöhnlich, die über die Arbeit mit ihm berichten.
Wichtig im Zusammenhang dieses Gespräches ist doch gerade der Aspekt: Welche Rolle spielt das Persönliche im gezielten Anliegen, via Model-Fotografie ein Porträt zu machen? Egal ob Ganzkörper oder vor Eifelturm oder im nackten Studio?
11 hours ago
Mal wieder weg vom top-relevanten, themen-getreuen Abstecher nach Vietnam – zurück zur Fragestellung:

Warum fotografiere ich Porträts?
Weil am Körper eines Models oben immer auch ein Kopf dran ist.

Hat jemand Lindberghs letzte Arbeit für PIRELLI gesehen? Sehr persönliche Porträts von (eben!) Charlotte Rampling, dazu u.a. Alicia Vikander, Léa Seydoux, Helen Mirren, Kate Winslet und Saskia Esken.

Und der Neustädter-Helmut? Gibt ein Buch mit Porträts von Promis, links von Alice Springs (beste Freundin von June Newton, der Ehefrau), rechts von HN. Mit dabei: Karl Lagerfeld, Fürstin Gloria, Caroline von Monaco, David Hockney und Timothy Leary. Titel: US AND THEM.
10 hours ago
Thema ist jetzt Peter Lindberghs Modefotografie? Okay!

Kann man einen Lindbergh von einem Rubini unterscheiden? Ja! Kann man einen Rohwer von einem Lindbergh unterscheiden? Ja. Und es soll Fotografen geben die shooten Portraits, ohne jemals eine Arbeit von Peter Lindbergh gesehen zu haben.

Für die Portrait-Arbeit ansich ist es erst einmal egal, ob man Lindberghs Werke kennt oder nicht. Aber man kann durch ihn beeinflusst werden.

Mal Hand hoch, wer denkt sich beim Portrait-Shooting: ,,was würde Peter Lindbergh jetzt machen?''
Das ist schön, aber keine Wissenschaft!

In meiner Studienzeit habe ich mit zwei männlichen Freunden eine Ausstellung von Peter Lindbergh gesehen. Die beiden waren komplett begeistert, und haben - nicht durch die Fotografie - sondern allein wegen ihrer Begeisterung Kommilitoninnen dazu bewegt sich fotografieren zu lassen.
Jahre später frage ich mich hier im Forum, wen möchten Lindbergh Fans denn nun beeindrucken? Ob Modelle mitlesen... ;-)
@ PetersPhotos
Betreffs des PIRELLI-Kalenders : oh ja, sehr persönlich und natürlich, ganz individuell und nah .. kein Glamour, aber trotzdem geschminkte, gestylte Vollprofis ! Beim Reifendienst gibt es zwar weiterhin auch Pirelli, aber nicht als Wandkalender ..
Bei den Aktdiskussionen geht es doch auch um das hier in der MK gezeigte, dann also bitte auch bei den Gesichtsportraits über unsere Werke hier schreiben .. denn das ist hier die Fragestellung !

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