Ist Helmut Newton noch zeitgemäß? 99

2 months ago
lechiam

Die behauptete "Anlehnung" an Riefenstahl ist tatsächlich Quark. In dem
Beitrag hat Isabella Rossellini in sehr vernünftigen Worten
auf gewisse formale Anklänge hingewiesen. Dazu wurde,
wenn ich mich recht entsinne, Newton selbst zitiert, der das
nicht bestritt, aber sinngemäß bemerkte, er sei halt in dieser
Zeit aufgewachsen und durch sie geprägt... Es ist schon
ziemlich philisterhaft, Newton auf diese Weise in die Nähe
der Nazi-Kunst zu rücken. Das ist mir dann auch
"irgendwie unsympathisch". Das zu # 19.

Und was Berlin angeht: Der Tagesspiegel
schrieb über die Freiluftausstellung: Provokante
Newton-Nacktheit sei keine zu sehen... Das
entspricht genau dem, worauf ich in #6 aus
einer anderen Quelle hingewiesen habe. Man
wollte ganz bewusst nicht provozieren.
Üblicherweise nennt man das
Selbstzensur.
Rodivo In dem Film hat Isabella Rossellini gesagt "Helmut fotografierte Frauen so, wie Leni Riefenstahl Männer fotografiert hat."
2 months ago
Frage:
Wenn ihr hier alle so schön über Helmut Newton diskutiert .... wer von euch hat denn das SUMO oder zumindest den Nachdruck das Baby-SUMO? (mir hats letzes Jahr das Christkind gebracht)

Anmerkung:
Und wieder das leidige Thema "Frauenbild" etc. .... dem möchte ich das ebenso leidige Thema "fotografiert doch Männer, dann habt ihr diese Probleme nicht" entgegenwerfen :p
2 months ago
Chris W. Braunschweiger Soweit ich mich an die Passage erinnere, hat sie das im Sinne von Innovation der Frauendarstellung gesagt, als Vergleichsbeispiel (das ich auch ganz überzeugend finde). Sie hat mitnichten damit eine Anspielung politischer Natur gewollt, auch nicht Newtons geistige Leitidee des Fotografierens problematisiert. Das gibt der Kontext ihrer Aussage nicht her.
Finde ich problematisch, so ein Zitat ausserhalb des Darstellungskontextes auszulegen und zu bewerten.
Marcello Rubini Es geht mir wirklich nicht um politische Bewertungen. Es geht um bestimmte Formen der Bildsprache.
Im Interview in der "Welt" sagte Newton über Leni Riefenstahl: "Als Künstlerin bewundere ich sie, sie ist die revolutionärste Fotografin und Filmemacherin unserer Zeit". Und fügte hinzu "Die Kritik (an seiner Bewunderung) kenne ich, meine Frau fragt dann immer, "wie kannst Du dich nur auf die andere Seite schlagen?" Ich kann das trennen, da ist mir wohl nicht zu helfen!"
2 months ago
Das klärt es gut, Chris W. Braunschweiger, Danke!
2 months ago
Unabhängig von der Ideologie, die Riefenstahl war eine sehr gute Fotografin und ob sich HN nun daran orientiert hat oder nicht, seine Bilder sind auch sehr gut.
Mal ehrlich, jeder guckt doch, was machen die anderen so. Ob nun in MK, FC, oder in Bildbänden und hat so seine Vorlieben (bei mir HN, Bitesnitch, Bisang, Sieff und und und.....).
Wenn ich mir so ein Bild als Vorlage ansehe und überlege, wie hat er das gemacht und versuche es es nachzustellen (nicht weil ich das gleiche Bild nochmal erschaffen möchte, sondern um zu verstehen, WIE es gemacht wird, bin ich meist ähmm.. unzufrieden mit dem Ergebnis, oder sogar kläglich gescheitert. Also ist es das Wissen und Können.
Ob Kunst nun von Können kommt, oder ob das Können einfach nur gutes Handwerk ist, kann ich nicht beantworten. Nur, weil ich noch Filme entwickle, weil ich mich über die Jahre recht gut in die Cyanotypie hineingearbeitet habe, macht mich das zum Künstler? Ich meine Nein.
Ich bin gut bekannt mit einer Fotografin, die viele Selfs von sich macht und darunter auch viele Aktbilder (Marcello Du weißt wen ich meine). Sie hat eine Gabe, die ich nicht habe; Sie transportiert Stimmungen, Gefühle. Das ist für mich Kunst.
Zu den Fragen:
1) Nein. Was ist daran falsch Frauen zu mögen und dabei klare Vorstellungen zu haben? Nebenbei: Die empörten Feministinnen könnten sich gut an der erwähnten Fotografin zum Thema Feminismus/Sexismus abarbeiten ;-)
2) Nein. HN ist sicherlich auch heute noch aktuell, aber provokativ sind seine Bilder sicherlich nicht mehr. Sicherlich aber um ein vielfaches ästhetischer, als so manch anderes (hier).
3) Ich bewundere bei HN (und auch den anderen von mir genannten) die Klarheit, die Akribie.... Gut, von einigen Bildern mal abgesehen, war es weniger Sexismus, als eine Huldigung an die Frauen.

jm2c
2 months ago
Ist Helmut Newton noch zeitgemäß?

aus meiner Sicht JA
2 months ago
Helmut Newton hat eine Epoche der Fotografie geprägt. Nicht mehr und nicht weniger. Egal wie man zu seinen Arbeiten stehen mag.

Über Newtons Werke wird man noch in 100 und mehr Jahren reden. Ob das bei anderen der hier bereits namentlich Erwähnten auch der Fall sein wird? Ich weiß es nicht.

Frage: wie viele seiner Werke wurden und werden noch immer verkauft? Wie viele Ausstellungen über sein Schaffen werden heute noch regelmäßig dem geneigten Publikum geboten? Wie viele von anderen der sogenannten "Großen"?

Und nicht zu vergessen (mein Lieblingsthema): Irgendwie spielt die "Marie" auch da wieder eine vielleicht doch ganz Aussage kräftige Rolle. Oder in anderen Worten: "ohne Moos nix los". Finde ich jedenfalls.

Auch anders formuliert: vom Geschwafel eines dieser (nicht selten selbst ernannten?) "Kunst Kritiker" kann man sich nämlich herzlich wenig kaufen, oder?
2 months ago
Norbert Hess
Auch anders formuliert: vom Geschwafel eines dieser (nicht selten selbst ernannten?) "Kunst Kritiker" kann man sich nämlich herzlich wenig kaufen, oder?

Kaufen nicht. Der Begriff "Geschwafel" ist pauschal diskreditierend und spiegelt nicht die Ernsthaftigkeit, um die die meisten sich bemühen. ICH lerne aus kritischen Auseinandersetzungen stets dazu (mal mehr mal weniger). Das betrifft auch die Stellungnahmen hier.
Kurz, ich mag solche Pauschalisierungen nicht, finde sie anmaßend.
2 months ago
Iat es nicht in allen künstlerischen Sparten so, dass einige prägend für ihre Zeit waren und andere am Rande agierten oder vergessen wurden ? Gründe zu erörtern sprengt den Rahmen hier. Aber Wagner wird man noch spielen, wenn Wendler keiner mehr kennt. Und beide kombinieren nur acht Noten.
2 months ago
Marcello Rubini

Kein Problem mit deiner Einschätzung insoweit.

Unsere Finanzämter legen aber auf kulturell hochwertige Diskussionen relativ wenig Wert. Denen geht es vielmehr um betriebswirtschaftlich positive Zahlen.

Selbst ein Helmut Newton wäre nämlich nicht das geworden was er war, wenn sein Tun sich „unterm Strich“ nicht gerechnet hätte. Glücklicherweise hatte er aber solche Probleme nicht. Übrigens ganz egal ob nun ein „Kunst Kritiker“ dem was bei Newton jeweils so geboten bekam positiv gestimmt war, oder auch nicht.
2 months ago
Zum Thema "Provokation" : Ich stelle immer häufiger fest , egal , was Du schreibst , sagst oder sonst wie machst , es gibt immer reichlich Leute , die sich dadurch provoziert , diskriminiert , beleidigt , abgewertet , ausgeschlossen oder sonst was fühlen . Die Schwelle des Ertragbaren ( in der Politik , in der Kunst , in der zwischenmenschlichen Beziehung usw. ) ist für viele inzwischen so niedrig , dass Du gar nicht anders kannst , als darüber zu stolpern .

Und : >Wie oben bereits erwähnt , Provokation nutzt sich ab , ich wüsste kaum noch etwas , womit man mich provozieren könnte ...
2 months ago
Bildermacher.org
Wenn ich mir so ein Bild als Vorlage ansehe und überlege, wie hat er das gemacht und versuche es es nachzustellen (nicht weil ich das gleiche Bild nochmal erschaffen möchte, sondern um zu verstehen, WIE es gemacht wird, bin ich meist ähmm.. unzufrieden mit dem Ergebnis, oder sogar kläglich gescheitert. Also ist es das Wissen und Können.

Eine gute Darstellung, warum das mit den Vorlagen für eigene Arbeiten so eine Sache ist. Legitim ist es allemal, berühmte Künstler haben kopiert, um Besonderheiten besser zu erkennen und auch zu erlernen. Aber den "Geist" im Bildermachen kann man nur erkennen, nicht kopieren. Bei Newton wäre das zum Beispiel sein Humor, der in (fast) allen Bildern steckt und sehr charakteristisch für die Machart und Rezeption ist. Und Humor kann man eben nicht erlernen oder kopieren. Aber die Erkenntnis ist ja schon toll, nämlich dass lockerer Humor beim künstlerischen Tun ein (prägender) Gewinn ist. Das kann man als Prinzip für sich selbst übertragen.
Anderes, vergleichbares, kommt dazu.
2 months ago
Da möchte ich Norbert Hess etwas in Schutz nehmen ... der "selbsternannte Kunstkritiker" mußte früher erst mal ein Medium finden, das sein Elaborat öffentlichkeitswirksam machte, sei es Zeitung, Radio oder TV. Nun geht man mit 5 PC-Klicks online und legt los ...
Von upskirting bis fake news ... das Internet hat die Welt verändert und bietet die Plattform zur weltweiten Kundgabe von Bildern und/oder Texten, die früher allenfalls nur in kleinem Kreis verbreitbar waren.
Weil ich es schon oben erwähnt hatte : Vielleicht wußte Vanessa Beecroft vor 15 Jahren wirklich nicht, was sie beim Publikum bewirken würde ... heute wäre ihr schon im voraus klar, daß es auch einen Nylonfetisch als sexuelle Präferenz gibt (wie auch meine SC zeigt ;-)) wenn sie heute die beiden Worte "Strumpfhose" und "Sex" in irgendeine Suchmaschine eintippen würde. Ob und was andere, und eben vielleicht auch nur kleine Minderheiten denken, ist jetzt offenbarer als es früher war.
Vor 125 Jahren war die Aktfotografie teils noch viel "pornöser" als in den letzten 50 Jahren, denn schon das Zeigen von Straps und Mieder galt als "verdorben und liederlich" (obgleich die Galanteriewarengeschäfte sehr wohl existierten) ... und so entstand auch manches Lichtbild getreu dem Motto "ist der Ruf erst ruiniert, lebt es sich ganz ungeniert".
2 months ago
@Marcello:
Kürzlich habe ich den aktuellen Film von Gero von Boehm (The Bad and the Beautiful) gesehen, der ist super gemacht. Hat hier jemand den auch schon gesehen? Läuft irgendwann im TV, nächstes Jahr wohl.

War schon, auf Arte, vor ein paar Tagen. Sollte aber noch in der Arte-Mediathek zu sehen sein. Großartiger Film, in dem allerdings eine Reihe von Szenen sind, die schon in anderen Filmen über Newton gezeigt wurden.

Was aber nichts macht, das kann man sich auch mehrfach anggucken. Vielleicht kam mir einiges auch deshalb bekannt vor, weil ich die TV-Präsentation in der Ausstellung in Berlin gesehen habe (natürlich einmal durch, von Anfang bis Ende ;-] ).
2 months ago
Tom Rohwer Ist wohl nicht in der Mediathek. Für die Senderechte war ausgemacht (soweit ich gelesen habe), dass der Film nicht vor Kinostart in die Mediathek soll.
2 months ago
@SEE:
Diese Plakataktion zeigt vielleicht ganz gut den aktuellen gesellschaftspolitischen Stand :

https://ab-jetzt.org/mannlichkeit-entscheidest-du-2/

Ob man da mit der einstigen "Cowboy-Männlichkeit" rauchen - saufen - schießen dagegenhalten soll ?? ;-))

Nein, aber ich würde dagegen halten, daß z.B. Gewalt sehr viel mit Liebe zu tun haben kann (und auch hat), vor allem im Bereich S/M. Insofern ist das alles ein bißchen politisch-korrekt weichgespült.

Und "Männlichkeit" bedeutet für mich auch und gerade, daß man sich die "Cowboy-Männlichkeit rauchen, saufen, schießen" nicht nehmen lässt, nur weil andere Leute das für schlecht halten. Wenn ein Mann rauchen will, dann raucht er. Wenn er nicht rauchen will, dann raucht er nicht. "Mann sein" heißt aber vor allem: ein Mann lässt sich von anderen weder vorgeben, daß er zu rauchen habe, noch daß er nicht zu rauchen habe.

Wobei das "rauchen" nur ein Beispiel von tausenden ist.

Es gibt in Doris Dörries Film "Männer" eine winzige Szene, die "in a nutshell" mehr über Männer, über Führungfähigkeit und über Selbstbewusstsein aussagt als eine ganze Bibliothek mit dicken Büchern:

https://www.youtube.com/watch?v=95_TWoEctnc

"Ein Manager setzt sich keinen Papierhut auf und steigt auch nicht auf den Stuhl, wenn man's ihm sagt. Test nicht bestanden."

Das ist aber nur die halbe Aussage, die andere Hälfte muss man schon zwischen den Zeilen finden.

Ein Manager setzt sich einen Papierhut auf und steigt damit auf einen Stuhl - wenn er das will, weil er das für sinnvoll und richtig hält.

Ein guter Fotograf, ein guter Kreativer, ein guter Künstler schert sich nicht um den Zeitgeist, es sei denn, er macht das bewusst, weil es ihm hilft, damit Geld zu verdienen, um seinen Lebensunterhalt zu bestreiten. Er macht die Werke, die er für gut und richtig hält. Und nicht die, von dem ihm andere Leute erzählen, diese habe er gefälligst für gut und richtig zu halten.

(In dieser Hinsicht war Joseph Beuys ein genialer Künstler. Der hat sein Ding durchgezogen und es geschafft, daß viele wichtige Leute das für genial gehalten und viel Geld dafür bezahlt haben. Und er hat sich um Kritik von Leuten, die seine Werke weitestgehend für "Hä?"-Schrott halten, nicht die Bohne geschert. Das erkenne ich übrigens an. Den finanziellen Erfolg neidvoll - Neid ist die ehrlichste Form der Anerkennung - den übrigen Erfolg inhaltlich. 20, 30 Jahre lang einen splitternackten Kaiser durch's Land reiten zu lassen und sich hochqualifiziert dünkenden und teilweise zweifellos auch hochqualifizierten Menschen einzureden, dieser Kaiser sei vollständig bekleidet...

Das ist eine Leistung! Aber hallo!! Das können nur wenige.)
2 months ago
@lechiam:
@Chris W. Braunschweiger
Steile These.
Ein vor den Nazis geflüchteter Jude nimmt sich Leni Riefenstahl zum Vorbild....
Da bleibt mir nur verständnisloses Kopfschütteln.


Es wird immer wieder arg peinlich, wenn Deutsche Juden erklären, wie Juden mit dem deutschen Faschismus umzugehen haben.

Selbstverständlich kann sich ein geflüchteter Jude Leni Riefenstahl zum Vorbild nehmen. Das Leben ist vielschichtig und ambivalent, und meistens ziemlich widersprüchlich.
2 months ago
@Rodivo
Die behauptete "Anlehnung" an Riefenstahl ist tatsächlich Quark. In dem Beitrag hat Isabella Rossellini in sehr vernünftigen Worten auf gewisse formale Anklänge hingewiesen. Dazu wurde, wenn ich mich recht entsinne, Newton selbst zitiert, der das nicht bestritt, aber sinngemäß bemerkte, er sei halt in dieser Zeit aufgewachsen und durch sie geprägt...

Also ist es durchaus kein Quark...

Anklänge sind zu sehen. Ob die nun zufällig sind (halte ich für unwahrscheinlich), oder darauf beruhen, daß jeder Mensch und visuelle Künstler ganz besonders die "Optik" ihrer Umgebung und ihrer Zeit aufsaugen und die sich zwangsläufig in irgendeiner Weise in ihren Werken wiederfindet, kann dahingestellt bleiben. Newton selbst konnte das vermutlich nicht wirklich beantworten, und hat seine Zeit wohl auch für sinnvollere Dinge verwendet.

Ob man nun von Leni Riefenstahl inspiriert wird oder nicht, ist doch völlig Jacke wie Hose. Relevant ist nur, was man daraus macht.

Und was Berlin angeht: Der Tagesspiegel schrieb über die Freiluftausstellung: Provokante Newton-Nacktheit sei keine zu sehen...

Da müsste man nun erstmal wissen, was denn wohl ein Redakteur des Berliner "Tagesspiegel" als "provokant" empfindet.
Ich finde bei Newton überhaupt nichts "provokantes" - Alice Schwarzer findet vermutlich fast alles von ihm "provokant"...
Das ist ausschließlich eine Frage des persönlichen Geschmacks und des persönlichen Standpunktes.

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