Ist Helmut Newton noch zeitgemäß? 99

2 months ago
@SEE:
@ Tom Rohwer
"Trader with Slave" ist eine Szene, in der ein Seil als Accessoire vorkommt ... ich würde noch nicht mal jede (!) Bondage-Szene als S/M einordnen.

Dann erlaube ich mir die Antwort, daß Du nicht weißt, was S/M ist. Und selber jedenfalls die interessanteren Formen von S/M nie erlebt hast.

"Trader with Slave" ist kein Bild, "in dem ein Seil als Accessoire vorkommt". "Trader with Slave" ist ein Bild, das - wie oft bei Newton - eine ganze Geschichte erzählt, mit vielen Anspielungen und Untertönen.

Da ist die Körpersprache, die Haltung, der nackten jungen Frau. Die geradezu perfekt dem Schönheitsklischee entspricht. Sie ist jung, hat einen perfekten Busen, ist nicht zu klein und nicht zu groß, schlank, aber mit weiblichen Rundungen.
Da ist der Mann - nicht zufällig ein leicht "orientalischer Typ", erste Assoziation "ein Perser". Das spielt wiederum auf orientalische "Sklavenmarkt-Szenarien" an, hier aber in einem eher europäisch wirkenden "Villen-Ambiente".

Eine Frau wird wie eine Sklavin vorgeführt, angeliefert, ist und wird ausgeliefert. Und der Mann preist sie an. Das zeigt seine Körperhaltung, der Blick, die Hand... Aber wem preist er sie an? Dem Betrachter? Oder eher einem nicht im Bild sichtbaren Publikum?
(Beidem letztlich natürlich...)

Ich gucke auf das Bild und denke sofort an "edle", exklusive S/M-Parties, die ich erlebt habe, im Wasserschloss von Holzwickede z.B. Eine illustre Gesellschaft erotischer Connaisseurs ist im Garten versammelt. Ich sehe die Leute automatisch mit Sektgläsern in der Hand, einige Damen mit Fächern. Und dann wird sie hinausgeführt, auf die Treppe. Vorgeführt.

Vielleicht wird sie versteigert. Da würde sie zweifellos einen guten Preis bringen. Wer sie ersteigert, darf sie benutzen. Ich sehe sofort das ältere Paar, beide an die fünfzig, wie ihnen - ihm? ihr? - das Seil, die "Leine", übergeben wird. Und sie ihr neues Spielzeug ins Haus führen. Oder in ein Nebengebäude. Vielleicht aber wird sie auch verschenkt. Verliehen. Ein Geburtstagsgeschenk. Oder - wie romantisch - ein Geschenk zum Hochzeitstag, für das die Freunde zusammengelegt haben...

Man wird sie später wiedersehen, und still und genießerisch darüber nachsinnen, was die drei wohl erlebt haben, in den zwei Stunden, in denen sie spurlos verschwunden waren...

Man ahnt es.

Und jetzt komm Du und erzählt mir, dieses Bild habe nichts mit S/M zu tun... *LOL*
2 months ago
@ Tom Rohwer


Da ist die Körpersprache, die Haltung, der nackten jungen Frau. Die geradezu perfekt dem Schönheitsklischee entspricht. Sie ist jung, hat einen perfekten Busen, ist nicht zu klein und nicht zu groß, schlank, aber mit weiblichen Rundungen.


Den gesenkten Blick habe ich auch wahrgenommen ... und ja, mag sein daß die Geschichte so weitergeht, wie von Dir beschrieben. Nur bleibt das pures Kopfkino und ist nicht im Bild selbst erkenntlich. Ebensogut ließe sich eine ganz andere Geschichte erzählen, wie etwa irgendwas mit Entführung oder Gefängnis.

Bilder und Filmszenen, so wie Du sie beschreibst, kenne ich sehr wohl, teilgenommen habe ich tatsächlich nicht daran (auch nicht an "Stutenversteigerungen" o.ä.) da lebe und sterbe ich gerne "dumm".
2 months ago
Und sonst? Alles klar bei euch?
2 months ago
Ivanhoe
Und sonst? Alles klar bei euch?
An dieser Stelle finde ich das noch überschaubare Schwadronieren nicht so schlimm, soweit damit Rezeptionsperspektiven aufgedeckt werden. Inwieweit Newton sich bewußt zum Illustrator der SM-Szene aufschwingen wollte oder ob er einfach eine vergnügte (Klischee-)Intuition erzählerisch umgesetzt hat, kann jeder sich sicher selbst beantworten.
Ich jedenfalls glaube, genausowenig wie er antifeministische Statements fotografisch abgeben wollte, wollte er auch keine SM-Positionen proklamieren. (Da nehmen sich beide Parteien zu wichtig ...)
SEE so/easy/ey

"Nur bleibt das pures Kopfkino und ist nicht im Bild selbst erkenntlich. Ebensogut ließe sich eine ganz andere Geschichte erzählen, wie etwa irgendwas mit Entführung oder Gefängnis."

Das Kopfkino von Tom passt absolut einwandfrei zu dem Foto ("Momentaufnahme einer Szene"), während ich deine Beispiele (Entführung und Gefängnis) kein bisschen aus dem Foto herausinterpretieren kann. Elegante Anzüge findet man nicht in Gefängnissen und die Location erinnert auch eher an ein gemütliches Château. Zudem würde ich eher Handschellen und/oder Ketten mit einem Gefängnis verbinden. Und eine Entführung? Dafür wirkt ebenfalls alles zu sauber und elegant und zudem zu friedlich.
2 months ago
Tom Rohwer hm, manchmal hab ich den Eindruck, Du solltest Bücher schreiben. :)
2 months ago
Ok, "Händler mit Sklavin" und ja, der Händler im Anzug und das vor dem Villeneingang ... könnte man auch als "Neuzugang" für den Harem des Sultans interpretieren, wenn der Baustil nicht so typisch abendländisch wäre.
Und eine neue Zofe für alle Lagen ... paßt mit dem modernen Anzug also auch nicht.
Aber gut, Ihr habt alle recht, wenn es der erste Schritt in eine S/M-Orgie sein soll, dann muß ich mir nur noch ausmalen, wie sie an Händen und Füßen gefesselt auf den Befruchtungsbock geschnallt wurde und schließlich gänzlich "unsafe" eine glibbrige Mixtur unterschiedlichster DNA rundum auf den Boden unter ihr rinnt und tropft ...
Ob das Model selbst bei dieser Szene daran dachte ? Oder war es für sie eben eine Aktszene, vielleicht auch mit etwas NiP, und eben dem Seil ... durch den Titel wurde ein gewisses Kopfkino angesteuert, aber wir sehen genau dieses Bild und diese Szene vor dem Eingangsportal ... der Rest ist doch pure Phantasie !!?
2 months ago
SEE so/easy/ey
der Rest ist doch pure Phantasie !!?
Ja, und genau darum (dass die Bilder sie auslösen) geht es, warum die Bilder von Newton so viel faszinierender sind als "Modell im Kornfeld im Spätsommer".

Über jedermanns individuelle Fantasie zu streiten ist doch müßig. Auch wenn man hier seine persönliche Fantasie zur Unterhaltung anderer durchaus ausbreiten kann. Wenn schon der (in meinen Augen billige) Spruch "... liegt im Auge des Betrachters" gelten kann, dann doch gerade bei Newton.
Dass eine gewisse Fantasieorientierung mitgeliefert wird, schränkt das nur sinnstiftend ein.
2 months ago
Wie braun war Leni R.?

Morgen, 18. 11., 22.15, auf Arte: Das Ende eines Mythos
2 months ago
Er nahm sich nicht Riefenstahl als Vorbild sondern die "Klassik", die auch Vorbild für Riefenstahl war.
2 months ago
Marcello Rubini Danke für diesen Thread! Auch für mich war und ist Helmut Newton ein Vorbild. Und zwar nicht nur sein Arbeiten, sondern insbesondere auch die Art, wie er gearbeitet hat. Sicher würde er heute andere Bilder machen. Ich denke, er würde seine Inspirationen aus Gesellschaft, Arbeistwelt, (Pop-)Kultur, Sexualität, Politik, (Ersatz-)Religion etc. holen, das Ganze augenzwinkernd interpretieren und mit den von ihm präferierten Typ Frauen umsetzen und die Betrachter überraschen/provozieren. Was ihn in meinen Augen ausmacht ist die Fähigkeit, sich Anregungen aus ganz unterschiedlichen Richtungen zu holen und diese dann neu zu kombinieren.
2 months ago
Zweifellos hat Newton Ikonen der Fotografie geschaffen. Ich denke da an die "Big Nudes". Die sind ganz grossartig und zeugen von handwerklichem Können. Es ist Fotografie wo noch keine Looks per Preset über Fotos geklatscht wurden. Das mag ihm auch Anerkennung als Künstler eingebracht haben. Hauptsächlich war er aber ein erfolgreicher kommerzieller Fotograf. Das zeigt seine Kundenliste. Jedoch finde ich es nicht ganz angebracht, ihn als solitäres Genie zu betrachten, wie das nun gerne geschieht. Auch dabei wirkt ein erfolgreiches Marketingkonzept.
Dass seine erfolgreichen Fotografien aus den Siebzigern und Achtzigern so aussehen, wie sie das machen, hat wohl weniger mit Riefenstahl zu tun, als mit seiner Lehrmeisterin. So hoffe ich zumindest. Denn das war eine grossartige Fotografin. Else Ernestine Neuländer-Simon, genannt Yva.

Ich erlaube mir noch einen Vergleich mit einem anderen Fotografen, der etwa zeitgleich wie Newton gearbeitet hat und ebenfalls ein erfolgreicher kommerzieller Fotograf war. Guy Bourdin. Dessen Bildschöpfungen finde ich um einiges provokativer und vor allem viel mehr als Kunst.

Zweifellos haben beide mit ihren fotografischen Arbeiten ihre Zeit geprägt und Werke geschaffen, die über ihre Zeit hinaus Bestand haben.
2 months ago
Clickma

"Guy Bourdin. Dessen Bildschöpfungen finde ich um einiges provokativer und
vor allem viel mehr als Kunst."

Why not - aber ein bisschen Begründung hätte ich schon gern.
Inwiefern provokativer?
Inwiefern künstlerischer?
2 months ago
man soll nix schlechtes sagen
außer über tote
2 months ago
Guy Bourdin ... die 3 Dutzend rotlackierte Fingernägel - aber dann bringe ich noch Cheyco Leidmann und David LaChapelle ins Spiel ! Und prompt wäre man wieder ganz woanders gelandet ...
2 months ago
Clickma Ich schließe mich Rodivos Fragen in #73 an.
Denn es ist ja richtig, dass die beiden als Konkurrenten verstanden wurden und das zum Teil auch selbst so sahen, aber deine Sicht im Vergleich ist mir auch nicht verständlich, obwohl ich Bourdin ebenfalls liebe.
2 months ago
Bourdin, Leidmann, LaChapelle: Alles so schön bunt hier, kann mich gar nicht entscheiden - und (um zum Thema zurückzukommen) - dann ruhen die Augen sich wieder bei einem schönen SW von Newton aus ;-)

Für mich ist gar keine Frage, ob Newton zeitgemäss ist, für seine Zeit war er zeitgemäß, und das genügt. (bin übrigens gar kein Fan, aber das steht auf einem anderen Blatt)
2 months ago
Das ist Abwegig @lechiam,
Wie kommst Du auf das Vorbild-Argument?
Helmut Newton hat für die Emanzipation der Frau mehr getan mit seiner Kunst als viele andere, das das behaupten wollen und gerade in dieser Zeit.
Exemplarisch die Big Nudes sie stehen stolz da und sind nicht die Mäuschen, die verschämt in die Kamera schauen, die Botschaft: ich bin nackt und ich kann das.
Das mit Riefenstahl zu vergleichen, ist absurd. Da gibt es wesentliche Unterschiede.
Er hat die Frauen immer als Individuen, nicht als Herdenwesen wie Riefenstahl fotografiert. Hat sie nicht in einen politischen Kontext gestellt und wenn man sagt jedes Werk ist politisch, dann kann man sehen, das Newton, das Individuen und nicht die "Gemeinschaft" meint, schon garnicht eine "Völkische Gemeinschaft". Er hat tatsächlich die Befreiung fotografiert, Luxus und Persönlichkeit also Freiheit ist sein Kredo. Ich hatte mit Ihm einen Fototermin für Bertelsmann http://www.gezett.de/blog/autorenportrats/1953
und konnte mit Im reden. Am Folgetag gab es eine Vortrag und eine Podiumsdiskussion
https://www.gezett.de/2020-10-25/begegnung-mit-helmut-newton
über sein Leben. Da kam seine gänzlich andere Sicht auf die Zeit und die Fotografie zum Ausdruck.
2 months ago
Mag sein, dass Newton einiges für die Frauenemanzipation
getan hat. Aber was sagt das über die künstlerische Substanz
seiner Fotos? Überhaupt nichts. Denn Fotografen
bilden nicht den Hilfstrupp des Feminismus.
Sie sind auch nicht die Vorkämpfer der Menschenrechte. Wenn sie
einer Sache verpflichtet sind, was man
bestreiten kann, dann der Qualität der Fotografie.
Das gilt jedenfalls für die besten. Wir anderen können machen,
was wir wollen, solange wir kein Unheil anrichten
und bereit sind, uns zu blamieren.

Was ich damit sagen will: Mir wird diese inquisitorische Naivität,
mit der die politisch-feministischen Korrektheit
zum Qualitätsmerkmal erhoben wird,
zunehmend unsympathisch. Sie mündet fast immer
in Gesinnungsschnüffelei. Und sie hält uns davon ab,
nach den spezifischen Qualitäten von Fotos
Fotografen zu fragen.

Ein paar Sätze von Susan Sontag aus einem
ihrer bekanntesten Aufsätze ("Gegen Interpretation"):

"Der höchste und befreiendste Wert in der Kunst - und
der Kritik - ist heute die Transparenz. Transparenz meint die
Erfahrung der Leuchtkraft des Gegenstandes selbst, der
Dinge in ihrem Sosein."

"Heute geht es darum, dass wir unsere Sinne wiedererlangen.
Wir müssen lernen, mehr zu sehen, mehr zu hören und
mehr zu fühlen.
Es ist nicht unsere Aufgabe, ein Höchstmaß an Inhalt
in einem Kunstwerk zu entdecken. Noch weniger ist es unsere
Aufgabe, mehr Inhalt aus dem Werk herauszupressen, als
darin enthalten ist."

"Statt einer Hermeneutik brauchen wir eine Erotik der Kunst."

Natürlich kann man das alles auch anders sehen, und
- dies ganz dick unterstrichen - man muss es sogar
immer wieder auch anders sehen.
Aber man sollte es stets im Hinterkopf haben.

Das Wort Hermeneutik bezieht sich auf
das Verstehen und Interpretieren von Texten und
anderen Werken.
2 months ago
Rodivo kann man das so verstehen, sozusagen als den Aufruf, zu versuchen, nicht alles zu sehr, also mit aller Gewalt, zu intellektualisieren ( ich weiß nicht, ob es den Begriff überhaupt gibt ) ?
zit. :"Es ist nicht unsere Aufgabe, ein Höchstmaß an Inhalt in einem Kunstwerk zu entdecken.
Noch weniger ist es unsere Aufgabe, mehr Inhalt aus dem Werk herauszupressen, als
darin enthalten ist."

Find ich ok.

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